Gelehrte Leere

Was Literaturkritik angeht, habe ich ein Vorurteil eine Theorie, die ich an der Uni entwickelt habe und von der ich noch nie enttäuscht wurde. Sie besagt, dass ein Buch sehr bescheuert sein kann und trotzdem zuverlässig von der Kritik geschont, sogar respektiert werden wird, wenn einer der folgenden Faktoren darauf zutrifft:

a) Es ist das verkorkste Zweit- oder spätere Werk eines für seinen Erstling gefeierten Autors - man besitzt als FAZ-Feulletonist schlicht zu viel intellektuellem Narzissmus, um seine euphorischen Vorhersagen von gestern ("Dieser Mann wird Literaturgeschichte schreiben") einfach in die Tonne zu kloppen.
b) Das Buch ist von einem nachweislich promovierten, emeritierten oder anderweitig universitär heilig gesprochenen Autor verfasst worden und befasst sich auf höchst intellektuelle Weise mit höchst intellektuellen Figuren, die höchst intellektuelle Probleme durchleben.

Auf Javier Marias "Alle Seelen" treffen beide Punkte zu. Beim Versuch, im Nachhinein meine vergeudete Lesezeit zu rechtfertigen -man müsste es inzwischen besser wissen- fielen mir drei Ausreden ein. Erstens, die Süddeutsche hat den Titel in ihre Edition der 100 besten Romane des Universums aufgenommen, neben Namen wie Philip Roth, Bohumil Hrabal und Anna Seghers. Zweitens, auf dem rückwärtigen Buchdeckel lobt sich Marcel Reich-Ranicki einen Ast ab (er spricht vom Autor, nicht vom Titel, was auf Punkt a) hätte schließen lassen können), und drittens, der beste Satz des Buches wurde als Klappentext verwendet und beschreibt Oxford als die verstaubte, "in Sirup konservierte" Spielstätte einer Ansammlung belesener Nerds. Zu meiner Verteidigung - das klingt doch vielversprechend, oder etwa nicht?

Katharina Döbler von der Züricher Zeitung fand, man habe nach der Lektüre den "Eindruck, man habe sich einen interessanten Abend lang in etwas schrulliger, aber gebildeter und wohlerzogener Gesellschaft aufgehalten." Ich hatte eher den Eindruck, eine Handvoll Staub gefressen zu haben. Ironischerweise ist Marias Schreibstil so heillos verkopft wie genau das gelehrte Oxford, das er zu karikieren versucht. Die seitenlang minuziös aufgezeichneten Gedankengänge sind sozusagen grund- und bodenlos, aber immerhin so kompliziert, dass man sich die Schuld am ausbleibenden Lesegenuss lange genug selbst zuschreibt. Und auch die vielen Portraits um ihrer selbst willen, die nie zusammenlaufenden Handlungsstränge und der seltsam romantisierende, selbstmitleidige Duktus bleiben aus einem einzigen Grund lange ungetadelt, und das ist die Profilneurose des Lesers, der nicht zugeben will, scheinbar "großen" Gedanken nicht folgen zu können. 

Immerhin in dieser einen Hinsicht ist "Alle Seelen" bereichernd (wenn auch nicht auf unterhaltsame Art, Gott bewahre, das darf ja aber auch nicht der Sinn intellektueller Literatur sein, nicht wahr?): Es hält uns den Spiegel vor dabei, wie wir uns angesichts vermeintlich großer Namen verunsichern lassen. Ich empfehle in solchen Fällen, sich mit Autoren wie Thomas Mann oder Henry James zu befassen. Die Erfahrung, dass Literatur kompliziert und dabei spannend, hochgebildet und trotzdem lebendig sein kann, schützt im Zweifel vor falscher Hochachtung.

Ach, ein Letztes noch: "Allerseelen" war 1991 schon einmal in Deutschland erschienen - Jahre vor Reich-Ranickis Lobgesang- und ging bei Kritik und Publikum sang- und klanglos unter. Hm hm.

Bewertung: 2 von 10

Lesezeit: 30 Tage (mit langen Unterbrechungen und viel Willenskraft)




Kommentare:

  1. Respekt fürs erfolgreiche Durchquälen! Deine Theorie trifft wirklich den Nagel auf den Kopf! Ich hoffe nur, dass du den Staubgeschmack inzwischen nicht mehr im Mund hast;)

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  2. Danke! Es war ein Kampf... Und nein, ich habe mir den Geschmack im Mund inzwischen mit ein paar literarischen Schmankerln versüßt :-)

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