Korrektur zwecklos

Je besser ein Buch ist, desto schwerer ist es, darüber zu schreiben. Ein Verriss ist einfach, weil man sich entspannen darf - warum sollte eine Kritik besser sein müssen als ihre Vorlage? In dieser Hinsicht ist es ein ausgewachsener Alptraum, Jonathan Franzens "Korrekturen" zu rezensieren. Anstatt das Inhaltliche wiederzukäuen, das unzählige pflichtbesonnener Kritiker schon minuziös aufgezählt haben -macht ja auch Spaß-, fliehe ich mich deshalb feige in die Subjektivität und begnüge mich damit, offenzulegen, was ich an fatalistischen (und ja, peinlichen) Befindlichkeiten durchlebt habe, während ich die "Korrekturen" las. In der Reihenfolge ihrer Häufigkeit sind das absteigend:

1.) Habe ich jemals ein besseres Buch gelesen, oder besser ausgedrückt, kann überhaupt ein besseres Buch geschrieben werden als dieses? Wie ist es möglich, dass jemand einfach so viel besser schreiben kann als ich es jemals könnte? Und: woher weiß der Mann so viel über alles - ich meine, alles?
2.)  Wie konnte Bettina Abarbanell bei der Übersetzung dieser linguistischen Kathedrale -ja, das darf pathetisch klingen- vor Ehrfurcht auch nur ein einziger Absatz gelingen, geschweige denn das ganze Buch, und das auch noch so gut, dass man die Genialität, mit der Franzen in einem Dreiwortsatz fünfzehn Andeutungen unterbringt, scheinbar ungefiltert genießen (und sich von ihr quälen lassen) kann?
3.) Stimmt etwas nicht mit mir, wenn ich nachts aufwache und nicht mehr einschlafen kann, weil ich mich gezwungen fühle, die Lebensfehler fiktiver Romanfiguren kraft meiner Phantasie korrigieren zu wollen?

Wobei wir beim Thema des Buches wären, mit dem uns der Buchtitel so wunderbar subtextlos anspuckt. Wo er in der Vergangenheit am Rand meines Lesehorizonts aufgetaucht war, hatte genau dieser Titel dafür gesorgt, dass das Buch nie in den Fokus rücken durfte - Konnotationen mit sterilen Anwaltsplots oder verkopftem Professorengesülze* hielten es davon ab. Die Tatsache, dass es von der Kritik ehrfürchtig behandelt wurde, bestärkte mich in letzterer Version. So viel zum Thema Vorurteile. Bei den Korrekturen in den "Korrekturen" geht es weder um Akten noch um Seminararbeiten, sondern um das verzweifelte, ironische, schmerzhafte und vor allem vergebliche Ringen mit einem Haufen Unrecht, das Familienoberhaupt Alfred Lambert seiner Frau und seinen drei Kindern in Form eines hyperkonservativen "Broken Home"-Alptraums beschert. Franzen schildert gnadenlos scharfsichtig, wie die erwachsenen Kinder der Lamberts die unwiederrufbaren Traumata ihrer beschädigten Kindheit im prüden Mittelwesten Amerikas in pathologischen Beziehungen und Lebensentwürfen umzukehren zu versuchen. Das, und ganz beiläufig noch tausend Kunstgriffe mehr, schafft Franzen so wahnsinnig weltläufig, psychologisch brilliant (ich möchte ihn NICHT als Therapeuten haben, bekäme Angst vor mir selbst), durchgehend spannend und trotzdem nicht unversöhnlich, dass einem das Buch am Ende realer erscheint als das Spätherbstwetter draußen. Unfassbar, der Typ.

Bewertung: 10 von 10

Lesezeit: 9 Tage

*siehe hierzu meinen nächsten Post, folgt in Kürze

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